Freitag, August 06, 2004

Das Schauspiel der Rechtschreib-Deformen

Recht schreiben ist schon schwer - um so mehr, wenn Recht vorschreiben will, wie recht zu schreiben ist. Mit offener Schadenfreude notieren wir, dass Spiegel & Springer der reformtrotzenden FAZ zur Seite springen, um der rechtschreib-deformenden Kultusminister-Konferenz den Spiegel des Scheiterns vorzuhalten. Pressefreiheit mal ganz anders!
Sprache ist ein öffentliches Gut; eigentlich das erste Open Source Projekt der Menschheit. Der Staat hätte sich von vorneherein nicht als Eigner dieser Software aufspielen dürfen. Aber selbst Junge Liberale, an der Vorderfront eine gestaltungsfrohe Germanistik-Studentin, haben dem exekutiven Gesetzgeber seine Griffelspitzereien gegönnt. Nach Open Source-Regeln darf jedermann gerne Verbesserungsvorschläge machen, und warum nicht auch ministeriale Tintenspritzer? Danke für den Versuch also, aber endlich fällt der durch!
Ich glaube: es ist noch nicht einmal die Bürgergesellschaft, die jetzt auf ihrem Recht beharrt, schreiben zu dürfen nach Regeln, die sich durch das Kratzen einer Feder auf Pergament, im Hammerschlag der Druckmaschinen durch die Jahrhunderte hindurch geformt haben. Es ist die Sprache selbst, die im Namen des Rhythmus ihrer Regeln die Resistenz von Rebellen inspiriert. Im Anfang war das Wort, und wie ein lamgsam atmender Strom begleitet die Sprache unser menschliches Streben, schenkt uns Ausdruck und Gedächtnis unserer Kultur. Ist es nicht ein Schauspiel, wie sie Ordnungsrufe einfach verschluckt und absorbiert? Sieht die Konferenz von Kulturbeamten nicht komisch aus, wie sie auf Bergen trockener Tinte sitzen bleibt? Und muß man die Sprache und die Schrift dafür nicht - einfach lieben?