Donnerstag, September 02, 2004

SOS - Skorbut-Liberalismus an John Dewey

Was jetzt schon mal vorausgesagt werden sollte:
1. John Dewey wird in drei, vier Jahren in Deutschland ankommen. Seine pragmatistische Philosophie einer lernenden Demokratie eignet sich hervorragend, um die innere Verfassung und die Prozesse einer modernen und aktiven Demokratie zu thematisieren.
2. Der Begriff der Praxis muß von seiner marxistischen Besetzung befreit werden. "Praxis" meint den Meta-Prozess des Zusammenwirkens aller Prozeduren, die den Handelnden selbstverständlich sind. Also: Praxis ist, was selbstverständlich getan wird. Aber keine Selbstverständlichkeit ist, wenn man genau hinschaut, wirklich selbstverständlich. Besonders nicht in Zeiten von Umbrüchen. Wo wir also unsere Lebensprozesse neu organisieren, müssen wir - selbstverständlich! - über Praxis reden. So mit Dewey.
3. Liberale Theorie leidet an Skorbut - nämlich unter einer Dominanz einer Klasse toter Männer, die uns Schriften über liberale Verfassungs- und Wirtschaftsordnungen hinterlassen haben. Da sind zwar klasse Ideen drin - aber die Idee der Freiheit ist größer als eine Rechtsstaats- und Wirtschaftsordnung. Ihr Ausdruck braucht auch eine demokratische und eine bürgergesellschaftliche Ordnung - letztere ist in meinen Augen jene Ordnung, welche die anderen drei komplementär zu organisieren und zu integrieren hat. Und innerhalb dieser Ordnungen drückt sich Freiheit in einer Praxis, einer gewissen politischen und menschlichen Kultur, aus. Dewey gäbe dem Skorbut-Skelett des Liberalismus eine dringend benötigte Vitaminspritze.
4. Let's go read Dewey!

1 Comments:

Blogger Dominik Hennig said...

Dewey ein Liberaler? Du liebe Güte, das ist begriffliche Schludrigkeit, wenn man "liberals" (die im anglo-sächsischen Sprachraum synonym für Sozialdemokraten stehn) mit Liberalen (in a classical view) ansieht.

Lies mal "Liberalismus neu gefaßt" von Anthony de Jasay. Schwere Kost, aber lohnend!

www.dejasay.org


P.S.: Als ich noch in meiner Cannstatter Zeit unter "nationalliberal" firmierte, habt Ihr mich in Stuttgart erbittert bekämpft. Dabei waren die historischen "Nationalliberalen", d.h. die Abspalter vom alten Freisinn Eugen Richters die ersten, die in Deutschland den Begriff des Liberalismus zu politischen Zwecken (Kompatibilität zum interventionistischen Machtstaat) so großzügig ausgelegt (und damit entwertet) haben, wie knapp hundert Jahre später die "Vordenker" (wenig Nachdenker!) der "Freiburger Thesen" und heute Du und Deinesgleichen es heute ebenfalls zu tun belieben. So groß sind die Unterschiede zwischen den pragmatisch grundsatzlosen Okulationsliberalen rechter und linker Spielart nämlich keineswegs. Friedrich Naumann, in dessen namen Du Dich als Stipendiat sonnst, hat sogar Nationalismus und Sozialismus mühelos unter einen Hut gebracht. Nur liberal war er dabei nicht.

1:04 AM  

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