Montag, Juni 21, 2004

Formationstanz der Hühnerhaufen

Soziologen mit Drang zur Öffentlichkeit und junge Autoren in der ersten Sinnkrise lieben es, Generationen zu verkünden: "Generation @", "Generation X", "Generation Y", "Generation Golf", "Generation Golfkrieg". Ich warte auf die "Generation Ich" - ach halt, die gibt's auch schon. Alles inflationäre Teilweisheiten. Ihr Grundproblem: "die junge Generation" wird mit Hilfe bestimmter Eigenschaften oder Einstellungen bestimmt. Der "Wetten-Daß"-Konsum in den 80er Jahren, das "Playmobil zu Gameboy-Verhältnis", Einstellungen zu Werte, Familie, Beruf und Gesellschaft oder auch Arbeitslosigkeits-, Chat- und Demonstrationsteilnahme-Zahlen sollen eine bewegliche und unübersichtliche Menge junger Menschen für einen Moment mal fixieren. Aber ob im Spiegel (der Daten) oder im Focus (kulturkritischer Bauchnabelschau): das ist doch alles Quatsch - der Versuch, einem Hühnerhaufen einen Formationstanz anzudichten.
So macht sich das Denken über eine junge Generation lächerlich. Können wir uns aber nicht leisten. Es ist enorm wichtig und unverzichtbar, uns zu definieren. Aber die entscheidende Meßlatte unserer Generation ist die Zeit, in der wir leben, und die Zeiten, in denen wir leben werden. An den Chancen von heute und den Herausforderungen von morgen haben wir uns als Formation auszurichten. Es gilt, uns über sie in einer historischen und politischen Selbstverständigung Klarheit zu verschaffen.

Blühende Dummheiten

Dummheit I: George W. Bush, seine Lügen, seine Selbsttäuschungen und seine Schurkengurken Cheney und Rumsfeld im Dienste der Erlösung und der Halliburton-Company. Sagt Bush: "The reason I keep insisting that there was a relationship between Iraq and Saddam and al Qaeda is because there was a relationship between Iraq and al Qaeda." Was beweist: das Märchen vom Mann im Mond ist wahr, weil der Mann auf dem Mond lebt. So hat jeder sein Bündel zu tragen und alle zusammen das Bündel ihres Vormündels. Unerträglich, dümmlich!
Dummheit II, schon schöner denn böser: die Freude der Liberalen am Europawahlergebnis. Wir sind drin - und das ist, ach, gut so. Aber die Grünen blühen auf, machen der SPD in Stadtmitten allerorten den zweiten und der CDU den ersten Platz streitig. Die FDP hat die Europa-Wähler an die Grünen verloren - die bieten als Standard an, was bei den Liberalen die Ausnahme bleibt: Biographien statt Lebensläufe, Herz statt Grinsen, ein politisches Projekt statt Programmatik, Lebensgefühl statt Vernunftkälte. Und wen man dermaßen zweistellig nach Europa und ins Stadtparlament schickt, wird man auch getrost zum Regieren schicken. Es ist ein kalter Sommer, klug, sich warm anzuziehen.
Dummheit III: Walter Döring soll durch Pfister, Homburger ersetzt werden. Niebel, Theurer bleiben in der Ebene zurück. Da fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Mittwoch, Juni 09, 2004

Das liberale Feuilleton

Und wie wäre ein liberales Feuilleton als Blog Anfang des 21. Jahrhunderts? Thema wäre die Freiheit und notwendigerweise die Dummheit ihrer Beschränker. Zwar lässt sich Freiheit ohne Grenzen gar nicht denken - grenzenlose "Freiheit" nennt man Verlorensein. Aber es ist wahnwitzig, welche Verbote Menschen für andere erfinden können. Nicht, dass Verbote erfunden werden, ist das Irrsinnige; möge sich jeder selbst Tabuzonen einrichten. Sondern welche Verbote durchgesetzt werden sollen. Beispielsweise einen ausgetretenen Pfad über eine Wiese abzusperren, anstatt ihn zu fliesen und freizugeben. Oder den Schritt in die Selbstständigkeit mit 1001 Auflagen zu erschweren. - Aber ein liberales Feuilleton wäre auch ein traditionsbewußtes Kulturfeuilleton, dass die Freiheit des Geistes feiert; die Formen des Selbstausdrucks; die Unbestimmtheit der offenen Frage; und die Tugend der Toleranz. Neben die Dummheit des Beschränker tritt die Hoffnung auf und die Freude an freien Menschen in Aktion. Freiheit zu gestalten! Ihre Spuren zu sichern! Ihre Würde zu bestaunen! Und sich am Paradox abzuarbeiten, dass Freiheit menschliche Bestimmung ist. Sein könnte? Sein können müsste.