Mittwoch, Juli 28, 2004

Freiheit statt November

Wer Amerika heute verstehen wolle, müsse die 60er Jahre studieren, schreibt Bill Clinton in seiner Autobiographie. Wer Deutschland und Europa verstehen will, muss den Herbst 1989 begreifen. Vielleicht lag es an den Nebeln des November, dass wir ihn bis heute mehr als Abschluß des Kalten Krieges denn als  Aufbruch in eine Zeit der Freiheit empfinden. Stellen wir uns den Mauerfall mit Märzblüte vor - was wäre daraus für ein Versprechen geworden! Ein wahrer Frühling der Freiheit - nicht, wie heute, ein fast vergessener. Denn was wir in Deutschland bis heute nicht gelernt haben, ist, dass unsere Nationalhymne mit "Einigkeit und Recht und Freiheit" nicht die Gleichheit dieser Werte beschwört. Vielmehr ist der Dreisatz klimaktisch angelegt: der Freiheitswillen, der sich Bahn bricht und Mauern niederreißt, ist das Höchste und Erste. Und erst wenn die so erkämpfte Freiheit in ihr Recht und in ihre Ordnungen gesetzt wird, ist Einheit möglich. Freiheit legt den Grund für Recht und Einigkeit, für Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft - siehe 1989.
"Einigkeit" heißt für Deutschland heute: Einigung auf dem kleinlichsten gemeinsamen Nenner. Und "Recht" heißt heute: Rechthaberei.  Und also: die Reformen stocken. Es geht uns wie  Ishmael aus Moby Dick: "a damp, drizzly November in my soul".  Was ist seine Konsequenz? "Then, I account it high time to get to sea as soon as I can." So gilt es auch für uns, die Häfen der Sicherheit zu verlassen - mit Willen zur, mit Freude an, und im Vertrauen auf die große Kraft der Freiheit!

Donnerstag, Juli 15, 2004

Miserere nobis, Otto!

Niemand will noch Deutschlands Nationale trainieren. Es war schon peinlich genug für den DFB, wochenlang Absagen von wohlversorgten Großverdienern einzusammeln. Nun droht auch noch der Schmerz, das Amt des letzten deutschen Hohepriesters an einen Ausländer zu verlieren. Wenn's dermaßen hart auf hart geht (wie eigentlich immer, wenn die Deutschen spielen: Schwitzer zu Pfluggrätschen!), sind preußische Tugenden gefragt - die Pflichtbewußten müssen ran. Der Ruf nach einem Otto von Biß und Markigkeit, der als siegreicher griechischer General europäische Fußballfelder in Schlachtäcker verwandelte, lag irgendwie in der Logik der deutschen Geschichte. Aber alas, dieser Otto der Große gibt der Sentimentalität den Vorzug vor der Pflicht. Mein Geheim-Favorit ist nun ein anderer Recht-und-Ordnungs-Otto: Schily muß es richten. Als Sportminister ist er ein Mann vom Fach und kennt dank Tribünenpräsenz das Miserere Nobis des hasenfüßigen Rasenhopps tip-top. Schily, der von grün nach rot, vom Ruhrpöttler zum Bayern und vom Polizeiopfer zum Polizeyminister gewendete Taktiker, hat in jeder Situation garantiert den Sinn fürs Opportune. Der dünnlippig-grimme Graue wäre ein Chef wie Sepp Herberger und ein Sir wie Erich Ribbeck.
Und vielleicht könnte der doppelte Otto in Personalunion gleich auch das dümmpfiffelnde DFB-Präsidium übernehmen. Dort gehen die Uhren der Reform 20 Jahre langsamer als im Rest der Republik - passend zu Otto dem Großen Bruder, der in der Innenpolitik den Geisterfahrer-Kurs "Vorwärts in die Vergangenheit" pflegt und derzeit im Jahre 1984 angekommen ist. Oh well: der Abgang aus der Politik von heute ist also schon längst vollzogen - Zeit für einen letzten Dienst an Deinem Land, Otto, Zeit für Dich zu gehen - geh die Nationalen schinden!

Dienstag, Juli 13, 2004

Danton an Julchen Bush

George Bush ist offenbar ein Mann ohne Zweifel. Bob Woodward, gefragt nach dem Eindruck von Colin Powell, dass den Präsidenten offenbar nichts quält, stimmt Powell zu: "Ich konnte niemanden finden, der mir gesagt hätte, dass er den Präsidenten in einem Augenblick des Zweifels erlebt hätte." Ich muss an Fritz Stern denken, der einmal gesagt hat: "Dantons unerbittliche Frage an Robespierre sollte auswendig gelernt werden: 'Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte, du lügst, du lügst.'"
Woodward berichtet auch: "Ich weiß von keiner Zusammenkunft des Kabinetts, von keinem Treffen, bei dem sie gezielt die Kehrseite oder die Nachteile betrachtet oder sich gesagt hätten: Lasst uns überprüfen, was es bedeuten kann, ein Land zu besetzen, und was die Folgen sind." Entscheidungen, die man wie Kanonenkugeln abschießt, ohne sich darum zu kümmern, wo sie landen, nennt Dietrich Dörner "ballistische Entscheidungen". In "Die Logik des Mißlingens - Strategisches Denken in komplexen Situationen" schreibt er dazu: "Wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlungen nicht zur Kenntnis nehme, so bleibt mir die 'Kompetenzillusion'!" Man könne dann nach der "Julchen-Maxime" verfahren: "Wohlgetan ist dieses nun, Julchen kann was anderes tun!"
Hoffentlich vor allem nach dem 2. November.

Montag, Juli 12, 2004

Innenarchitekt Köhler

Bundespräsident Köhler ist der richtige Präsident zur richtigen Zeit. In seinem ersten großen Interview erweist er sich nicht, wie weithin gefürchtet, als Technokrat einer Liberalisierung, sondern als Anwalt von Werten eines ebenso praktischen und nüchternen wie optmistischen Deutschlands. Frische Luft! "Freiheit heißt mit Unwägbarkeiten, mit Risiko leben - und auch mit Überraschungen. Entscheidend ist, was die Menschen aus ihrer Freiheit machen." Das ist nicht die achselzuckende puritanische Freiheitsbegriff des 'selbst schuld, wenn es Dir schlecht geht'. Köhler bekennt sich zu Sozialstaat und einem modernen Nations-Begriff - "Wachstum als Verheißung reicht eben auf Dauer nicht aus, um Identität zu stiften." Seine Grundbotschaft: Wir werden eine bessere Gesellschaft sein, wenn mehr Menschen mehr aus ihrem Leben machen können. Es ist diese Art der Orientierung, die die Parteien bisher nicht geleistet haben. Sie erscheinen wie Handwerker, die die gute Stube stürmen und Baufälligkeiten lieblos bearbeiten - und der FDP-Handwerker ist stolz darauf, Schäden besonders deutlich zu benennen und besonders gründlich renovieren zu wollen. Köhler aber erweist sich als der Innenarchitekt, der ein Bild der Stube in Zukunft vorzulegen vermag. Hoffen wir, dass er in Zukunft auch den größten Freiheitsfeind beim Namen nennt: den Staat, der nicht nur selbst entlastet werden muß, sondern der vor allem die Bürger zu entlasten hat.

Sonntag, Juli 11, 2004

Friedmans Foreign Affairs

Studium der Meister: Thomas L. Friedman von der New York Times hat bereits dreimal den Pulitzer Preis erhalten. Pulitzer riet: "Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten." Friedmans Formel erweitert diesen Dreisatz: "Sei konkret - und die Welt wird lebendig. Sei konsistent - und Du vermittelst Orientierung. Sei konstruktiv und leidenschaftlich - und das ist die beste Kritik." Legendär: Friedmans Freunde auf der ganzen Welt; seine Reiselust; sein kritischer Patriotismus; seine Liebe zu den Versprechen von Freiheit, Marktwirtschaft und Demokratie; und seine Vorliebe dafür, den "Middle East Expert Stephen P. Cohen" zu zitieren. Friedman ist der Anwalt eines globalisierten Amerikas. Er macht die internationalen Zusammenhänge plastisch. Er ist realistisch, aber nicht zynisch, pragmatisch, aber nicht gewissenlos. Er glaubt an das Gute, aber er erkennt das Schlechte. Friedman beherrscht die Kunst, Grautöne in Schwarz und Weiß zu skizzieren. Wir bräuchten einen Friedman in Deutschland. So machen Foreign Affairs Freude!