Sonntag, Juni 11, 2006

14 Thesen für einen neuen Liberalismus

1. Der Liberalismus ist eine praktische politische Philosophie der Freiheit. Sein Ziel ist es, die Praxis der Selbstbestimmung und Selbstorganisation einer liberalen Bürgergesellschaft zu verfassen. Der Liberalismus ist keine Lehre, noch weniger eine Ideologie, sondern der fortgesetzte und praktische Versuch, der Zeit, in der wir leben, mehr Freiheit für die Menschen abzugewinnen, die wir sind. Seine Grundfrage lautet: Was ist zu tun, um mehr Freiheit für mehr Menschen zu realisieren?

2. Im Ausgang des Liberalismus als praktischer politischer Philosophie steht der einzelne Mensch in seiner Würde. Der Mensch gewinnt seine Würde aus der Unhintergehbarkeit seines individuellen wie kollektiven Mensch-Seins – aus dem Geheimnis und Rätsel eines Lebens, das sich erst in der freiheitlichen Gestaltung des eigenen Lebens enthüllt.

3. Wir glauben daran, dass jeder Mensch zur Freiheit, das heißt: zur Selbstbestimmung fähig ist, und dass alle Politik in Demut ihren Ausgang wie ihren Endpunkt in dieser Selbstbestimmung zu nehmen hat. Alle Politik muss sich daran messen lassen, was sie zur Selbstbestimmung des Einzelnen beiträgt.

4. Jeder Mensch hat das Recht darauf, den ihm gemäßen Lebensentwurf zu leben und die Bindungen einzugehen, die seinem Wirken in der Welt entsprechen. Wir vertrauen auf die Kraft und Vernunft des Einzelnen, im Entwurf des eigenen Lebens tätig an der Welt teilzunehmen.

5. Wir wissen aber auch, dass die tätige Gestaltung des eigenen Lebens und der Welt voraussetzungsreich ist. Wir sehen in der Idee der „Lebenskunst“ eine Tradition freiheitlichen Denkens, die sich seit der Antike darum bemüht, die Kunst der Selbstbestimmung als Kunst der privaten praktischen Philosophie zu lehren.

6. Wo der Mensch die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Welt im Zusammenwirken mit anderen angeht, wird aus der Freiheit der individuellen Selbstbestimmung die Freiheit der kollektiven Selbstorganisation. In Selbstbestimmung vollendet sich der Mensch, in Selbstorganisation begründet er Gemeinschaft, Gesellschaft, Staat und Politik.

7. Wo der Mensch seine Beziehungen mit anderen Menschen eingeht und gestaltet, wird er zum Bürger. Aber Bürger fallen nicht vom Himmel. Der Liberalismus als praktische politische Philosophie ist die anspruchsvolle Kunst der kollektiven Selbstbestimmung durch die Selbstorganisation der Bürgergesellschaft.

8. Liberalismus schreibt die Tradition der Bürgergesellschaft als demokratisch verfasste Praxis der Freiheit der Gleichen fort. Die liberale Bürgergesellschaft ist zugleich ein politisches wie ein kulturelles, ein soziales, ein wirtschaftliches, gesellschaftliches und historisches Projekt mit über 2000 Jahren Tradition. Sie ist für den Liberalismus als praktische Philosophie der Freiheit sowohl Fundus des eigenen Denkens wie Fokus des eigenen Handelns.

9. Wer Freiheit nur materiell, nicht auch geistig, nur quantitativ, nicht auch qualitativ, nur im Singular, nicht auch im Plural begreift, schadet der Freiheit. Wer die vier Ordnungen der Freiheit: Rechtstaat, Marktwirtschaft, Demokratie und als Klammer der drei anderen die Ordnung der Bürgergesellschaft auf nur eine, zwei oder drei dieser Ordnungen reduziert, reduziert die Idee und das Projekt der Freiheit.

10. Wer glaubt, dass die Idee und das Projekt der Freiheit sich über den parlamentarischen Arm einer staatstragenden Partei ausreichend verwirklichen lässt, schwächt Herz und Hirn dieses Projektes. Wer Freiheit nur als statischen Freiheitsraum, nicht auch als dynamische Befreiung begreift, wer die Praxis der Freiheit unabhängig von der historischen Situation gestaltet, wer die Exegese der Schriften toter Männer vor das Wagnis des eigenen Denkens stellt, beschneidet die Freiheit.

11. Wir wissen, dass wir mit der Bürgergesellschaft als Praxis der Freiheit Verantwortung für eine Form menschlicher Zivilisation übernehmen, die stets gefährdet und nie ganz gewonnen ist. Aber wir glauben daran, dass die liberale Bürgergesellschaft von morgen eine bessere und gerechtere Gesellschaft ist als die Gemeinschaft der Angst und der Unsicherheit von heute.

12. Wir stellen uns den ökologischen, sozialen, ökonomischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit in dem Wissen, dass nur eine Praxis der Selbstbestimmung und Selbstorganisation in der Lage sein wird, den gesamten Reichtum an Ideen und Initiativen, an Aktivitäten und Aktionen, an Wissen und Werten in unserer Gesellschaft für die Bewältigung dieser Herausforderungen fruchtbar zu machen.

13. Der Liberalismus liebt das Leben in seiner Vielfalt, seiner Unerschöpflichkeit und seinen Überraschungen. Wir wählen das Leben vor dem Tod, die Bejahung vor der Verneinung, den Optimismus vor dem Pessimismus, die Gestaltung vor der Beharrung, die Sinnenfreude vor der Askese, die Großzügigkeit vor der Angst. In jeder Herausforderung sehen wir noch eine Chance für die Menschen, noch eine Aufgabe für die Liberalen.

14. In diesem Geist gestalten Freie Demokraten freie Demokratien, freie Staaten, freie Märkte und freie Gesellschaften. Erfüllt von Stolz auf unsere Tradition und in Demut vor der Würde des Einzelnen und vor der Vielfalt des Lebens, übernehmen wir mit der politischen auch die geistige, moralische und kulturelle Führung unserer Gesellschaften.

6 Comments:

Blogger rylee4irma said...

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8:48 PM  
Blogger rz4dhxc27xc said...

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11:33 PM  
Blogger Oeffinger Freidenker said...

Tut mir Leid, dich enttäuschen zu müssen, aber Liberalismus ist definitiv eine Ideologie. Eine positive zwar, aber es ist eine Ideologie, der andere gegenüberstehen. Der oftmals dogmatische Anspruch vieler Liberalen, das Heil der Welt in ihrer Ideologie entdeckt zu haben, tut sein Übriges dazu.

3:34 PM  
Blogger Dominik Hennig said...

Das beste, was zu diesem Thema je geschrieben wurde, ist die kleine Schrift von 1927 aus der Feder von Ludwig von Mises: "Liberalismus".

Die real existierende FDP sollte sich am Manifest "Bürger zur Freiheit" von 1992 orientieren (Fritz Fliszar, Detmar Doering u.a.) und nicht sozialliberaler Nostalgie verfallen!

2:58 PM  
Blogger Herfried said...

Siehe auch http://julis-hoechberg.blogspot.com bzw. http://FDP-Hoechberg.blogspot.com !

7:46 PM  

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